RUSH - 2013-06-06 Berlin, o2World (D)

kein Support

Es ist nun schon gut zwanzig Jahre her, dass ich mir RUSH auf deren 92er „Roll The Bones“-Tour in Frankfurt angeschaut habe und ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich damals nicht allzu begeistert von deren Auftritt war. Aber da mir die aktuelle Platte „Clockwork Angels“ (2012) gut gefallen hatte, wollte ich der Band noch mal eine Chance geben. Stattgefunden hat das Konzert in der bis zu 17.000 Menschen fassenden o2World in Berlin. Ich bin kein großer Fan dieser Riesenhallen und hab’ das einfach mal als notwendiges Übel betrachtet. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn fand ich mich dann in der Halle ein und mir fiel gleich auf, dass das erste Drittel vor der Bühne zusätzlich mit Wellenbrechern abgegrenzt war und auf meine Frage, was den auf der Karte stehen müsse, damit ich in den vorderen Bereich rein dürfe, antwortete mir der Mensch von der Security, dass auf der Karte „in Front Of Stage“ stehen müsse. Also bei mir stand auf der Karte „Innenraum“ und so musste ich „draußen“ bleiben. Wie ich inzwischen weiß, ist dass bei solchen „Events“ an der Tagesordnung, um die Sicherheit zu gewähren (bei Festivals kennt man das ja schon eher). Weil es bis zu Beginn der Show noch ein Weilchen dauern würde, hab’ ich mich hingesetzt und mich mit dem Rücken an die Abgrenzungen zu den Sitzplätzen gelehnt. Und schon stand ein SEC-Mensch (mindesten zwei Meter groß) vor mir und wies mich an, mindestens einen Meter von den Abgrenzungen wegzurücken, weil das der Fluchtweg wäre und, ihr werdet es erraten, die Sicherheit gewahrt werden müsse. Hallo? Wenn eine Panik ausbrechen würde, wer würde sich denn bitteschön an den Abgrenzungen entlang hangeln? Also wirklich, was hat das mit Rock and Roll zu tun? Da die Halle insgesamt nur gut zur Hälfte und der Innenraum auch nur zu zweidrittel gefüllt war, haben die „Jungs“ der SEC die Leute bis zum Ende des Konzertes immer wieder von den Abgrenzungen vertrieben. Ich würde’ es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.

 

Das Set:

Um Punkt 20.00 Uhr startet das Konzert nach einem Introfilm (in dem wurde das kanadische Powertrio von Robotern zusammengeschraubt und für den Auftritt startklar gemacht, witzig) mit „Subdivisions“ meinem absoluten Lieblingssong der Truppe. Das verursachte gleich die erste Gänsehaut bei mir. Der Hauptteil des Sets bestand aus Songs der „Synthie“-Ära, was bestimmt nicht allen Besuchern gefallen haben dürfte. So wurde das Album „Power Windows“ (1985) mit vier („The Big Money“, „Grand Designs“, “Terrfitories” und “Manhattan Project”) und die Alben „Grace Under Pressure“ (1984) und „Signals“ (1982) mit je zwei Songs gewürdigt („The Body Electric“, „Red Sector A“, „Subdivisions“ und „The Analog Kid“). Ich fand es super, denn ich bin mit diesen Songs quasi aufgewachsen. Mit „Bravado“ und dem Instrumental „Where’s My Thing“ kamen auch noch zwei Songs von „Roll The Bones" (1991) zum Zuge, bevor der erste Teil mit „Far Cry“ dem einzigen Song von „Snakes & Arrows“ (2007) beendet wurde. Nach der Pause, die gut zwanzig Minuten dauerte und einem weiteren Introfilm (diesmal waren RUSH als Zwerge - Verzeihung - als zwei Gnome und einem Troll in einem, vom französischen Film „Delikatessen“ inspirierten Filmchen zu sehen) wurde der Schwerpunkt auf die neuen Songs von „Clockwork Angels“ (neun an der Zahl) gelegt. Unterstützt wurden sie dabei von fünf Geigern und zwei Cellisten, die aber im Bandsound ziemlich untergegangen sind. Das hätte es nach meiner Meinung nicht gebraucht. Mit „Manhattan Project“ und „Red Sector A“ (einem weiteren Gänsehautmoment) steuerte RUSH in die Schlussgerade, um mit der Mutter aller Progressive-Instrumentals „YYZ“ von „Moving Pictures“ (1981) und dem Klassiker „The Spirit Of Radio“ von „Permanent Waves“ (1980) den offiziellen Teil zu beenden.

Nach dem größten und auch bei Nicht-Fans bekannten Hit „Tom Sawyer“ („Moving Pictures“) folgten noch mit Auszügen aus „2112“ (1976) einen kurzen Ausflug in die Siebziger, bevor dann endgültig Schluss war.

 

Die Musiker:

Der Sound war glasklar und die Band war gut aufgelegt. Immer wenn Sänger und Bassist Geddy Lee nicht mit seinen Keyboards beschäftigte war, sprang er rüber zu Gitarrist Alex Lifeson und jammte mit ihm über die Bühne. Dazwischen drohnte Schlagzeuger Neil Peart, dessen Schlagzeug aus gefühlten 30-40 Einzelteilen bestand. Geddy Lee sang sich souverän durch das Set, spielte tolle, herausragende Basslinien und bediente nebenbei noch Keyboards. Nur zum Ende bei „2112“ schaffte er nicht mehr alle Höhen, aber der gute Mann ist immerhin schon sechzig! Alex Lifeson spielt Soli für die Ewigkeit und weichte dann und wann auch mal von dem üblichen Schema ab („The Big Money“). Tja und Neil Peart ist ein Phänomen! Kaum zu glauben, dass er nur zwei Arme und zwei Beine hat. Welcher Schlagzeuger kann es sich schon erlauben drei Schlagzeugsoli zu spielen, während das Schlagzeug rotierte und niemand in der Halle ist eine Sekunde gelangweilt? Die Antwort ist einfach: NEIL PEART!

 

Die Show:

Hinter dem Schlagzeug hatte man eine riesige Leinwand aufgehängt, die neben den bereits erwähnten Introfilmen abwechselnd die Musiker oder auch Filmeinspielungen zeigte (z. B. Unwetter/Hurricane bei „Force Ten“, das Explodieren einer Atombombe bei „Manhattan Project“). Bei „Analog Kid“ hatte man die Wahl, welchem der Musiker man auf die Finger schauen wollte und bei „Where’s My Thing“ konnte man Neil Peart von „oben“ bei seiner Arbeit zusehen. Um dem Konzept der neuen Scheibe gerecht zu werden, setzt man nach der Pause noch einen drauf und zog noch zusätzlich zehn weiter Bildschirme in die Höhe auf der dann teilweise andere Einspielungen als auf der Hauptleinwand zu sehen waren. Das war dann aber doch des Guten zu viel und ich war froh, dass bei „Red Sector A“ „nur“ die volle Lichtshow eingesetzt wurde. Auf der Bühne stand auch jede Menge Krimskrams rum. Hinter Alex Lifson drei kreisrunde „Gebilde“, die kleine Einspieler zeigten (unsere Erde, schwimmende Fische etc.) und hinter Geddy Lee ein überdimensionales Gehirn und zwei als Waschmaschinen getarnte Verstärker und während eines der Songs tauchte ein Mensch mit einer Gorillamaske (!) auf, der die Waschmaschinenfenster reinigte und anschließend wieder hinter der Bühne verschwand.

 

Fazit:

Es war ein großartiges Konzert, welches zweieinhalb Stunden dauerte und dafür sorgte, dass ich mich zurzeit ein bisschen mehr mit RUSH beschäftige, was immer ein gutes Zeichen für einen gelungenen Abend ist. Im Übrigen kosteten die Tourshirts zwischen 30 und 40 Euro, was ich doch ein bisschen happig fand.

  

Setlist:

01. Introfilm

02. Subdivisions

03. The Big Money

04. Force Ten

05. Grand Designs

06. The Body Electric

07. Territories

08. The Analog Kid

09. Bravado

10. Where’s My Thing (incl. Drum solo)

11. Far Cry

- Pause –

12. Introfilm II

13. Caravan*

14. Clockwork Angels*

15. The Anarchist*

16. Carnies*

17. The Wreckers*

18. Headlong Flight (incl. Drum solo)*

19. Halo Effect*

20. Seven Cities Of Gold*

21. The Garden*

22. Manhattan Project*

23. Drum Solo*

24. Red Sector A*

25. YYZ*

26. The Spirit Of Radio

 

Zugaben:

27. Tom Sawyer

28. 2112 Part I: Overture

29. 2112 Part II: The Temples Of Syrinx

30. 2112 Part VII: Grand Finale

31. Outrofilm

* w/Clockwork Angels String Ensemble

 

(Erwin W.)