METAL CRASH - 2017-10-07 - Gießen, Hessenhalle

Nach der Open Air Festival-Saison gibt es auch im Herbst und Winter jedes Jahr wieder eine Vielzahl von Indoor-Veranstaltungen, um das Verlangen der Metalgemeinde nach Livemusik zu erfüllen. Eine neue derartige Veranstaltung feierte in diesem Jahr auf dem Gelände der Gießener Hessenhallen seine Premiere. Für das eintägige Event wurde ein Line-Up aus sechs nationalen Bands, vorwiegend aus dem Power-Metal Bereich, an Land gezogen. Nachdem die Veranstaltung in Mittelhessen nicht unbedingt umfassend beworben wurde, kam vor dem Festival zunächst die Befürchtung auf, dass der große Zuschauersturm möglicherweise ausbleiben könnte. Diese Sorge bewahrheitete sich dann aber glücklicherweise nicht ganz so drastisch. Geschätzte 500-600 Fans fanden an diesem Tag den Weg nach Gießen und viele versammelten sich bereits zum Einlass um 15:30 Uhr zahlreich vor der Nummer 4 der Hessenhallen. Somit konnten sich auch die ersten Bands schon über einige neugierige Zuschauer vor der Bühne freuen.

Um ca. 16 Uhr ging es dann auch direkt los mit Mercury Falling. Die Truppe aus Fulda feierte 2017 bereits ihr 20 jähriges Bestehen und sie brachten somit gleich mal Einiges an Erfahrung mit auf die Bühne. Charakteristisch waren vor allem die harten Gitarrenklänge, welche die Melodieführung des Keyboards angenehm ergänzten, auch wenn das Songwriting letztendlich nicht sehr innovativ war. Sänger Michael Pabst hätte außerdem noch etwas mehr aus sich herausgehen können. In den dreißig Minuten Spielzeit legte das Quintett aber einen durchaus soliden Auftritt hin, der von den bis dahin etwa 150 anwesenden Besuchern mit Beifall und kontinuierlichem Kopfnicken honoriert wurde. Auch wenn Mercury Falling das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig in Ekstase versetzen konnten, war es definitiv eine gelungener Einstand für den Abend.

Nach einer kurzen Umbaupause ging es direkt weiter mit den Newcomern von SpiteFuel. Vor etwa einem Jahr gegründet, ging die Formation aus ehemaligen Mitgliedern von Strangelet hervor, die für ein neues Line-Up noch weitere Mitstreiter rekrutieren konnten. Seither hat sich Einiges getan und die Jungs aus Heilbronn können nicht nur auf ein Album-Release, sondern auch auf eine Vielzahl erfolgreicher Shows zurückblicken und auch beim Metal Crash konnten sie mit modernem Hard-Rock überzeugen. Die Stimmung in der Hessenhalle wurde merklich besser, denn SpiteFuel konnten mit einprägsamen Riffs und einer ambitionierten Bühnenshow überzeugen. Sänger Stefan Zörner war, ähnlich wie der Rest der Band, scheinbar hochmotiviert bei der Sache, konnte allerdings den einen oder anderen stimmlichen Aussetzer nicht ganz vermeiden. Trotzdem hatte die Band bei ihrem noch recht frühen Slot mindestens so viel Spaß wie die bereits anwesenden Besucher. Das obligatorische Motörhead-Cover, das ja mittlerweile fast schon zum guten Ton auf vielen Metalfestivals gehört, wurde ebenfalls von den Heilbronnern abgedeckt. Mit „Ace Of Spades“ beendeten sie nach etwa 45 Minuten das Set.

Die Hessenhalle füllte sich schließlich zunehmend. Dem nächsten Act Rebellion war es scheinbar gelungen, eine große Zahl ihrer lokalen Anhängerschaft für das Metal-Crash zu mobilisieren, was vor allem an den zahlreichen Band - Shirts vor der Bühne zu sehen war. Für Rebellion, die selbst in der Nähe der Stadt beheimatet sind, hatte der Auftritt in Gießen einen gewissen Heimspielcharakter und dementsprechend motiviert zeigten sich die Musiker auch auf der Bühne. Vor allem der kraftvolle Gesang des Frontmanns Michael Seifert und die starke klangliche Präsenz von Bassist Tomi Göttlich definierten den Bühnensound der Gruppe. Epische Songtexte über Wikinger, Germanen oder Sachsen ergänzten die düstere Atmosphäre der Bühnenshow. Auch das Publikum war von dem, was sie zu hören und sehen bekamen, begeistert und dementsprechend wurde permanent lauthals mitgegrölt und das Haar geschüttelt. Richtig laut wurde es aber vor allem vom bei der Coverversion des Grave Digger-Klassikers „Rebellion“. Auch wenn sie in den Jahren ihres Bestehens ein individuelles musikalisches Profil erschaffen konnten, ist auch heute noch der Einfluss dieser Musik auf den Sound von Rebellion deutlich zu erkennen – waren die Gründer Uwe Lulis und Tomi Göttlich doch zeitweise selbst bei Grave Digger aktiv.

Auch der nächste Programmpunkt war scheinbar einem Großteil der Besucher gut bekannt. Mystic Prophecy, die mittlerweile schon seit 2001 mit ihrer klassischen Heavy-/Powermetal Kombi unterwegs sind, konnten von Beginn an voll überzeugen. Auffällig war vor allem, dass sich der Bühnensound ab diesem Zeitpunkt stark verbesserte und vor allem die bisher eher leise abgemischten Vocals deutlich präsenter zu hören waren. Weiterhin auffällig war Bassistin Joey Roxx, die es als einzige Frau in das Line-Up des diesjährigen Festivals geschafft hatte. Der Sound der Band erinnerte stark an die großen Helden aus alten Tagen und so ist der Einfluss von Gruppen wie Accept oder Judas Priest nicht von der Hand zu weisen und spiegelt sich auch in der Musik wieder. Nummern wie „Ravenlord“ oder „We Kill You Die“ heizten die Stimmung der Fans im Saal zusätzlich an und brachten die Kehlen einiger eingefleischter Anhänger zum Glühen. Vor allem für den Song „Metal Brigade“ wurden die Zuschauer nochmals erfolgreich zum Mitsingen animiert und letztendlich gröhlte fast die ganze Halle den Refrain mit. Und weil das Cover eines bekannten Klassikers auch SpiteFuel schon so gut ankam, gab es zum Abschluss von Mystic Prophecy noch eine eigene Version des Black Sabbath Evergreens „Paranoid“ - ein Song bei dem auch wirklich jeder in der Halle mitsingen konnte.

Anschließend wurde die Bühne dann für die beiden Headliner des Abends vorbereitet. Die Auswahl für die beiden letzten Slots spiegelte letztendlich die vielseitige Ausrichtung des Metal Crash-Festivals wieder. Fans moderner und traditioneller Klänge wurden bei der Auswahl der Acts gleichermaßen berücksichtigt und so erhielten Kissin’ Dynamite und Primal Fear jeweils noch volle 90 Minuten Spielzeit.

Der Auftritt von Kissin’ Dynamite lieferte die energetischste Show des Abends. Bereits hier zeichnete sich ab, wer an diesem Abend die inoffizielle Rolle des oberen Headliners einnehmen würde. Über die gesamte Dauer ihres Sets gönnten sich die fünf Schwaben keine Ruhepausen und zogen ihre ambitionierte Bühnenshow routiniert durch. Die Musiker kletterten auf die Verstärker oder sprinteten vom einen Bühnenende zum jeweils anderen oder alberten herum - aber alles ohne Einbußen der musikalischen Qualität. Die Setlist bot einen Querschnitt sämtlichen Werken der Diskographie. „Highlight Zone“, „DNA“, „Hashtag Your Life“: Ein Ohrwurm reihte sich an den nächsten und folglich wurde von Anfang an jeder Song vor der Bühne lauthals mitgesungen. Die Entscheidung, das Konzert in Gießen als letzten Termin der „Generation Goodbye“-Tour anzusetzen, wurde mit über die gesamte Show andauernder Euphorie seitens der Fans belohnt. Drei Zugaben spielte die Band dann schließlich noch: Für „I Will Be King“ und einen krönenden Tourabschluss legte Sänger Hannes Braun dann wie gewohnt noch einen rot-weißen Umhang um und schwenkte die Fahne des Königreichs Württembergs, bevor Kissin’ Dynamite zufrieden die Bühne verließen.

Ein letztes Mal wurde die Bühne umgebaut, um die Show einer längst etablierten deutschen Power-Metal Institution vorzubereiten. Primal Fear lieferten den nächsten- und damit auch letzten Auftritt des Abends. Seit mittlerweile 20 Jahren im Geschäft, konnte sich die Formation aus Baden-Württemberg auch über die Landesgrenzen hinaus einen Namen machen. Sehr schade war daher auch die Tatsache, dass immer mehr Zuschauer die Hessenhallen während des Auftritts verließen. Natürlich war es mittlerweile spät geworden (Primal Fear betraten die Bühne um ca. 23 Uhr), für einen Samstagabend aber trotzdem eher ungewöhnlich. Vielleicht hätte man dieser Entwicklung durch die Besetzung des ersten Headliner-Slots mit Primal Fear vorbeugen können, da sicherlich die meisten Fans für Kissin’ Dynamite angereist waren. An der Qualität der Musiker kann es nämlich eigentlich nicht gelegen haben, denn die zogen ihr Set auch vor der Hälfte der Zuschauer noch konsequent durch - und das auf gewohnt hohem Niveau. Die Setlist beinhaltete vor allem Klassiker wie „In Metal We Trust“ oder „Angels Of Mercy“, die schon seit Jahren zum Standardrepertoire der Gruppe gehören. Die hohen Töne trifft Sänger Ralf Scheepers dabei noch immer außerordentlich gut. In der Mitte des Konzertes gab es dann mit „Fighting The Darkness“ noch eine Ballade als Kontrast zur sonst eher harten Gangart der Band. An die Stimmung, die beim Konzert von Kissin’ Dynamite herrschte, konnten Primal Fear, bedingt durch die halb-leere Halle, nicht mehr anknüpfen. Davon ließ sich die Band allerdings nicht beirren und feierte zusammen mit den verbliebenen Anhängern einen würdigen Abschluss des Abends, getreu dem Motto „Metal Is Forever“.

 

Alles in allem können Veranstalter, Bands und auch die Besucher auf eine gelungene Premiere zurückblicken. Trotzdem gibt es natürlich nach dem ersten Mal noch einige verbesserungswürdige Aspekte: Ein weiterer Getränkestand könnte helfen, das lange Anstehen zu verkürzen und auch die Auswahl des gastronomischen Angebotes ist noch ausbaufähig. Für zukünftige Veranstaltungen sollte der Veranstalter außerdem seine Werbemaßnahmen - vor allem im lokalen Umfeld des Festivals – intensivieren, dann ist das Metal-Crash im nächsten Jahr vielleicht auch ausverkauft.

(Niklas Busch)